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User Research und Testing

Rosa Post-its

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Annahmen schlank in Fakten verwandeln

Unsere Arbeit konzentriert sich darauf Usern das Erledigen ihrer Aufgaben auf unseren Seiten wesentlich zu erleichtern. Häufig basiert die Arbeit dabei auf Annahmen, da Geld oder Aufwand gescheut werden, um diese Annahmen zu validieren.

 

“ASSUME = Make an ASS out of yoU and Me”*

Harte Worte mit wahrem Kern: Auch wenn du schon viele Websites und Anwendungen entwickelt hast, ist jede Zielgruppe, jede Aufgabe und jede Lösung unterschiedlich zu betrachten. Unabhängig davon, ob du ein bestehendes Produkt weiterentwickelst oder ein neues Angebot entstehen soll: In beiden Fällen ist es unabdingbar zu prüfen, ob das Angebot die Bedürfnisse der Zielgruppe trifft und diese es gut verwenden können. Und du stellst sicher, dass nicht ein halbes Jahr lang eine Funktion entwickelt wurde, die von den Usern nicht verstanden - oder noch schlimmer - nicht gebraucht wird.

Du hast es schon verstanden, aber dein Kunde oder deine Abteilung lässt sich nicht überzeugen?

*frei zitiert aus dem Film "Bad News Bears"

“SOME USER RESEARCH IS BETTER THAN NONE”

User Research ist ein ganz eigenes Thema, dass sich wissenschaftlich von vielen Seiten eingehend beleuchten lässt. Heute soll es allerdings darum gehen, wie du schnell und mit wenig Aufwand an User Feedback zu deinem “Produkt” kommst.
In diesem Sinne möchte ich dir ein paar Ideen und Argumente an die Hand geben. Wenn dir die folgenden drei Ausreden bekannt vorkommen, habe ich ein paar Tipps für dich.

 

1. Wir kommen nicht an Testpersonen

Es ist natürlich nicht so einfach. Aber: Grundsätzliche Usability- oder Verständnisprobleme können auch Personen aus deinem Umfeld sehr schnell aufdecken.

Inhouse Testing
Schnapp’ dir ein paar Kollegen oder Freunde (idealerweise grob innerhalb der Zielgruppe) und mach mit ihnen einen kleinen Test. Du wirst erstaunt sein, was du an hilfreichem Feedback bereits dadurch erhältst. Besonders am Anfang eines Projekts bietet sich diese Art von Testing an.

Feld Testing
Wenn du etwas mutiger bist: Überlege, wo du auf deine Zielgruppe treffen könntest: Beim Einkaufen, im Fitness-Studio, im Café oder an der Bushaltestelle. Geh einfach auf Personen zu, die passen könnten und frage, ob sie Lust auf einen kleinen Test haben. Hier sind noch mehr Infos und Tipps zu dieser Vorgehensweise.

Userfeedback ohne Testpersonen
Manchmal muss man auch nicht direkt mit Usern sprechen und kann trotzdem an Feedback zur aktuellen Situation kommen. Klingt komisch? Ist es nicht:

  • Bestehende Kanäle sind eine gute Quelle für Feedback. Gibt es vielleicht Reviews für dein Projekt (App oder Google Reviews zu Geschäften oder Unternehmen), die du dir anschauen kannst? Oder hat dein Kunde / deine Firma einen Chat oder Callcenter? Oft lassen sich daraus wertvolle Erkenntnisse gewinnen, womit Kunden zu kämpfen haben oder was ihre (unerfüllten) Bedürfnisse sind.
  • Auch kann die Auswertung der Suchanfragen über Google oder auf der Seite selbst, Auskunft über wichtige Fragestellungen der User geben.
  • Der Klassiker, das Webanalyse-Tool ist natürlich auch eine gute Quelle, um Probleme der User aufzudecken. Hier bedarf es allerdings etwas Erfahrung, um die Ergebnisse richtig zu deuten.

Aber wie viele Testpersonen brauchen wir für ein valides Ergebnis? Die nächste Annahme verrät es uns.

2. Du brauchst Tausende von Usern für ein valides Ergebnis

Der schlaue Norman Nielsen empfiehlt lieber kleine Teilnehmerzahlen und dafür häufigere Tests. Er behauptet seit jeher, dass für (qualitative) Tests bereits 5 User ausreichen. Damit kann man schon ca. 80% der Usability Probleme aufdecken. Danach braucht man signifikant mehr User, um auf eine höhere Prozentzahl zu kommen.

Grobe Hausnummern für weitere Tests:

  • Quantitative Studien: mindestens 20
  • Card Sorting: mindestens 15

Mehr ist natürlich immer besser, z.B. auch, wenn du die Ergebnisse weiter strukturieren möchtest (z.B. nach Geschlecht oder Altersgruppen). Aber auch kleinere Teilnehmerzahlen geben dir bereits eine gute Basis an Feedback, mit dem du weiterarbeiten kannst.

Grafik zu Usability Problems Found vs. Number of Test Users

3. Man kann User Tests nur mit teurer Ausstattung machen

Es muss nicht immer das Usability Lab mit Eye Tracking sein. Es gibt auch einfache Möglichkeiten, mit denen man weiterkommen kann. Hier ein paar Beispiele:

Quantitative Umfragen
Mit Google Umfragen können zum Beispiel einfache Fragestellungen versendet und Antworten erfasst werden. Das Ergebnis wird praktischerweise grafisch aufbereitet. Auch SurveyMonkey ist ein gutes Umfragetool. In der kostenlosen Basis-Version können aktuell unbegrenzte Umfragen mit maximal 10 Fragen gestellt werden.

Qualitative Tests

Prototypen

Es muss nicht immer das finalisierte Produkt sein, dass getestet wird. Je nach Fragestellung reichen sogar schon Wireframes oder Designs für ein Testing aus. Hier kann ich dir das bewährte Tool Invision ans Herz legen: Du kannst ein kostenloses Projekt erstellen, mit Verlinkungen und einfachen Animationen deinem Endprodukt (zumindest optisch) schon sehr nahe kommen. Das kann dann wunderbar getestet werden.

Portables User Testing Lab

Klingt teuer? Ich behaupte, dass du dafür eigentlich schon alles hast - es besteht nämlich nur aus wenigen Teilen:

  • Laptop / Smartphone
  • ggf. Maus
  • ggf. Tisch / Sitzmöglichkeit

Schon mit diesen Mitteln kannst du Personen befragen und sie dabei beobachten. Hast du einen Mac oder ein iPhone? Dann kannst du über die Bordmittel ganz einfach Video- und Tonaufnahmen vom Test machen (Screenrecording). Und schon bist du startbereit.

Laptop, Kaffe und Smartphone

Card Sorting / Tree Tests
Im Rahmen unseres letzten Projektes haben wir mit meinem letzten Tipp sehr gute Erfahrungen gemacht: Mit Optimal Workshop lassen sich sehr leicht offene und geschlossene Card Sortings und Tree Tests erstellen und auswerten. Es ist allerdings nicht ganz umsonst: den aktuell 166 Euro im Jahr stehen jedoch schnelle und gute Auswertungsmöglichkeiten gegenüber.

Mit dieser Handvoll an Mitteln ist es relativ leicht, gut verwertbares Feedback von Usern zu verschiedenen Fragestellungen und Projektphasen zu bekommen. Und das, ohne ein großes Budget oder besonders viel Zeit. Und jetzt: viel Freude beim Ausprobieren und passgenauen Zuschneiden deines Produkts auf die Bedürfnisse deiner Zielgruppe!

 

Tiefer einsteigen:

Übersicht Methoden
https://www.nngroup.com/articles/which-ux-research-methods/

Tipps und Fragestellungen fürs Vorgehen bei User Tests:
https://www.nngroup.com/articles/qualitative-surveys/?lm=which-ux-research-methods&pt=article
und hier: https://uxplanet.org/6-tips-for-better-user-interviews-ad925afc52df

Marietta Grupp

Über den Autor

Marietta Grupp
Senior UX Architect

Als Senior UX Architect ist Marietta Grupp Expertin für Usability und User Experience. Seit mehr als acht Jahren erstellt sie passende digitale Strategien für Marken und konzipiert außergewöhnliche Nutzererlebnisse für Websites und Apps.